Heranführung an und kontextuelle Einordnung von Empfehlungssystemen - Teil 3: Das Wesen der Digitalisierung

11 12 2008

Interessanterweise lässt sich das Prinzip der Digitalisierung auf eine grundlegende menschliche Verhaltensstrategie zurückführen: die Reduktion der Komplexität von Informationen, mit dem Ziel, deren Inhalte leichter speichern, sowie schneller verarbeiten und verbreiten zu können. Bereits die Entwicklung der menschlichen Sprache diente diesem Zweck. Erst die Kodierung der Realität mit Hilfe von Alphabet, Grammatik und Phonetik ermöglichte den Austausch von Ereignissen und Erfahrungen über den örtlichen und zeitlichen Kontext hinaus, in welchem sich jene Erlebnisse tatsächlich ereignet hatten. Dies bildete die Grundlage für eine weitreichendere Verbreitung von Wissen, Traditionen, Glaubensüberzeu-gungen oder Theorien. In Gestalt des Ordnungssystems ‚Sprache‘ wurde über das kontinuierliche Signal der tatsächlichen Ereignisse also eine Art Matrix gelegt. Diese Kodierung bedingt jedoch eine gewisse Unschärfe, da jeder Mensch einen Begriff auf unterschiedliche Weise interpretiert bzw. dekodiert. In gewisser Weise ist unsere Sprache also zu ‚pixelig‘, um die wirkliche Welt darzustellen. 

Als Jacques de Vaucanson 1745 die hölzerne Lochkarte für den mechanischen Webstuhl erfand, wurden wiederum Informationen – hierbei handelte es sich um Webmuster – in dem komplexitätsreduzierenden Ordnungssystem ‚Lochkarte‘ kodiert, um sie von einer Maschine speichern und schneller verarbeiten zu lassen. Fast einhundert Jahre nach der Lochkarte begann schließlich die Digitalisierung, als ab 1837 die Umwandlung von Text in Morsezeichen erfolgte und kurz darauf das Faxgerät entwickelt wurde [7]. Nach und nach gelang es, neben Text und Bild auch komplexere Signale wie Audio und Video zu digitalisieren. 

Das Prinzip gleicht dem der menschlichen Sprache: über ein analoges, konti-nuierliches Signal wird eine Matrix gelegt und die dabei entstehenden Felder gemessen. Im Audiobereich geschieht dies durch eine schnelle, stichprobenartige Messung der Schallwellen, bei Video durch die Zerlegung der einzelnen Bilder in Zeilen und Spalten. Im Anschluss werden die Messergebnisse quantifiziert, sodass eine Schallwelle in einem bestimmten Sekundenbruchteil und ein Bildpunkt als diskreter Wert erfasst werden können. Durch die Kodierung dieser Werte anhand des binären Zahlensystems – bestehend aus den Ziffern 0 und 1 – ergeben sich Zifferkombinationen. Sie sind die Sprache des Computers – 0 steht für „Strom aus“, 1 für „Strom ein“.      

Quellen 
[7] vgl. Müller, Tamas: „Digitalisierung von Schrift und wissenschaftliche Kommunikation“. Diplomarbeit zur Erlangung des Master Grades in Philosophie an der Fakultät für Sozialwissenschaften an der Universität Wien. Juni 2007. S. 57 ff