Heranführung an und kontextuelle Einordnung von Empfehlungssystemen - Teil 4: die Auswirkungen der digitalen Vernetzung … (… auf individueller Ebene)

13 12 2008

Der bedeutendste Vorteil der Digitalisierung liegt in der Kostenreduktion. Auf der Produktionsebene kann heute fast jeder Mensch mit Hilfe preisgünstiger Produktionsmittel Text, Bild und Ton direkt in kodierter, digitaler Form erstellen. Die Tastatur substituiert den Stift, Grafikprogramme den Pinsel und Instrumenten-software ‚echte‘ Instrumente. Weil Informationen nicht mehr den ‚Umweg‘ über teure Träger- und Überträgermedien gehen, sinken die Fixkosten bei der Herstellung [8]. Diese Trennung der Information vom Medium wird als Desintegration bezeichnet [9]. Sie hat den Effekt, dass bei konstantem Budget heute mehr unterschiedliche Inhalte produziert werden können, resultierend in einer Verbreiterung des potenziell möglichen ‚Produktportfolios‘ jedes einzelnen Senders von Information.

Noch bedeutender sind die gesunkenen Kosten für die Reproduktion. Weil Zifferkombinationen auf einfachste Weise und ohne Abnutzung kopiert werden können, sind perfekte Kopien bei marginalen Kosten möglich. Dies eröffnet die Möglichkeit, bei geringem Budget sämtliche einmal produzierten Informationen in nahezu beliebiger Häufigkeit zu vervielfältigen. Dadurch wächst das verbreiterte Portfolio jedes Senders in signifikantem Maße auch in seiner Höhe.

Der Verfall von Transportkosten schafft schließlich die Voraussetzung, all diese Informationen Anderen auch zugänglich zu machen. Die geringe Größe der Zifferkombinationen ermöglicht höchste Übertragungsgeschwindigkeiten über ein Kabel oder gar über die Luft. Dabei werden weder das Originalsignal selbst, noch ein physisches Trägermedium transportiert, sondern lediglich der das Signal beschreibende Code. Somit ist es wiederum das obsolet gewordene physische Material, welches die Kostenersparnis begründet.

Der günstige Transport alleine wäre jedoch bedeutungslos, solange nicht ausreichend Kanäle zum Empfang der Informationen existierten. An diesem Punkt erschließt sich nun die Rolle des Internets. Weil dieses jedem Menschen den preiswerten Empfang ermöglicht, ist es die letzte notwendige Komponente zur ‚Demokratisierung‘ hinsichtlich Speicherung, Verarbeitung und Verbreitung von Informationen.

Die beschriebenen Phänomene sind nicht neu, doch ihr Ausmaß überschreitet nun eine signifikante Schwelle. Weil im Laufe der Zeit zunehmend komplexere Signale digitalisierbar wurden – Sprache, Gesang oder Bewegtbild – ist heute nahezu die gesamte menschliche Kommunikation, unsere Kultur, Gegenstand der digitalen Mechanismen geworden. Die Produktionsmittel, Hard- und Software, sind inzwischen derart erschwinglich, dass beinahe jedermann in der Lage ist, diese digitale Kultur mitzugestalten. Schließlich sorgt das Internet für die Aufhebung der quantitativen Begrenzung von Übertragungskanälen – wie etwa im Fernsehen oder Radio – und verschafft somit erstmals nahezu allen Individuen, sowie deren Kulturgütern Gehör.   

Quellen 
[8] vgl. Hass, Berthold: „Desintegration und Reintegration im Mediensektor: Wie sich Geschäftsmodelle durch Digitalisierung verändern“. In: Zerdick, Axel und Picot, Arnold: „E-Merging Media. Kommunikation und Medienwirtschaft der Zukunft“; Springer Verlag. Heidelberg/Berlin 2004; S. 40
[9] ebd.; S. 33