Der Vollkomene Musikmarkt

12 11 2007

Nach der ersten Literaturanalyse zum Thema Auswirkungen der Digitalisierung und des Internets auf den Musikmarkt bzw. Märkte für Digitalgüter bzw. Märkte generell (freue mich über Literaturtipps) widme ich mich jetzt den ersten Formulierungen, die in das Thema “Automated Artist Promotion” (deutsch: “Automatisierte Musikvermarktung”) einleiten sollen:

Meine Arbeit erhält ihren Startschuss in einem Idealmodell der Mikroökonomie: dem vollkommenen Markt. Dieser (für Künstler vielleicht etwas befremdliche) Ansatz möchte das Thema “Automatisierte Musikvermarktung” in seinen Gesamtzusammenhang einbetten und auf diese Weise seine enorme (volkswirtschaftliche) Bedeutung herausarbeiten.

Ein vollkommener Markt verlangt nach Erfüllung gewisser (utopischer) Prämissen. Dazu zählen unter anderem Homogenität der Güter, vollständige Markttransparenz, vollkommene Konkurrenz, unbegrenzte Mobilität der Produktionsfaktoren und Güter oder eine gegebene Ressourcenaustattung. Nur wenn diese Bedingungen vorliegen, handelt es sich um das ideale Marktmodell, welches der (neoklassischen) Volkswirtschaftslehre als Basis für ihre Untersuchungen dient.

Der vollkommene Markt bildet die Voraussetzung für das so genannte Pareto-Optimum [1] - ein Zustand maximaler Wohlfahrt, in dem durch eine Umverteilung von Gütern kein Wirtschaftssubjekt (Unternehmen oder Einzelperson) besser gestellt werden könnte, ohne dass ein anderes dadurch schlechter gestellt wird [2]. Anders ausgedrückt ist eine Situation noch nicht (pareto-)optimal, wenn ein Individuum besser gestellt werden kann, ohne dass einem anderen dadurch ein Nachteil entsteht. Die Pareto-Optimierung strebt demnach nach der effizientesten Wohlfahrtsverteilung unter den Marktteilnehmern. Betrachtet man diese Art der Güterallokation als erstrebenswert, werden der vollkommene Markt und seine jeweiligen Bedingungen zu wünschenswerten Zuständen. Entwicklungen, welche die genannten Bedingungen begünstigen, bewirken also eine Annäherung an den vollkommenen Markt und damit eine Erhöhung des volkswirtschaftlichen Wohlstands.

Oft wird ein vollkommener Markt angenommen und nur einer der Bedingungen verändert (Ceteris-paribus-Klausel), um besser verstehen zu können, wie und aus welchem Grunde sich die Marktgegebenheiten verändern [3]. Für die Musikvermarktung im Digitalen Zeitalter (oder auch Web2.0) ist dabei die Bedingung der vollständigen Markttransparenz besonders wichtig. Vollständige Markttransparenz bedeutet, dass Anbieter wie Nachfrager über sämtliche marktrelevanten Informationen verfügen. Die Konsumenten wissen also, welche Güter in welcher Qualität, in welchen Mengen und zu welchen Preisen am Markt vorhanden sind [4].

Bei der Musikvermarktung spielen dabei vor allem das verfügbare Angebot (welche Güter), sowie die Deckung mit dem subjektiven Geschmack des Hörers (welche Qualität) eine Rolle. Die Dimensionen welche Menge und welcher Preis - etwa in Form von Subskriptionsmodellen, Bundling, Dynamic Pricing oder Werbefinanzierung - möchte ich einer nachgelagerten Betrachtung überlassen.

Wie würde also ein solcher Zustand der vollständigen Markttransparenz übertragen auf den Musikmarkt aussehen? Der Nachfrager (= Hörer) wüsste demnach zu jeder Zeit über sämtliche auf dem (globalen) Markt verfügbaren Musikgüter (Songs) und deren Qualität - im Sinne seiner subjektiven Wertschätzung gegenüber dem Musikstück - bescheid. Sobald in einem beliebigen Land ein beliebiger Song von einem beliebigen Künstler auf den Markt gebracht würde, wäre dies dem Nachfrager sofort bekannt. Auch könnte er im selben Moment die Relevanz dieses Musikstückes bezüglich der eigenen Hörpräferenzen beurteilen. In der Folge wäre sich dieser Hörer stets im Klaren darüber, welche Musik er hören und zu diesem Zwecke erwerben sollte, was dann in einer allgemeinen Nutzen- bzw. Wohlstandssteigerung resultieren würde.

Vor diesem Hintergrund erscheint mir Musikvermarktung nichts weiter als eine Reaktion auf eine ineffiziente Marktsituation zu sein - ein Lösungsmodell bei fehlender Markttransparenz. Sie dient den Nachfragern in Form einer Versorgung mit relevanten Informationen, um ihr Bedürfnis nach hörenswerter Musik zu stillen.

Ich möchte deshalb untersuchen, ob und in welcher Weise die Digitalisierung und das Internet zur Erhöhung der Transparenz im Musikmarkt beigetragen haben beziehungsweise noch beitragen können. Meine Motivation ist dabei die Frage, ob die Digitale Vernetzung ein neues Lösungsmodell für Vermarktung ermöglicht, welches sich der optimalen Nachfragedeckung, wie sie (utopischerweise) bei vollständiger Transparenz möglich wäre, in höherem Maße annähert, als das bisherige Vermarktungssystem der Musik- bzw. Plattenindustrie. Ich gehe hierbei davon aus, dass das Vorhandensein solcher Transparenzpotenziale gleichbedeutend wäre, mit einem Trend hin zur Optimierung der Wohlfahrtsverteilung auf dem Musikmarkt.

Natürlich ist das Modell des vollkommenen Marktes ein theoretisches Konstrukt und kein real mögliches Phänomen. Zudem wird oft in Frage gestellt, ob das Pareto-Optimum wirklich eine wünschenswerte Allokation von Gütern bezeichnet. An dieser Stelle soll diese Diskussion nicht weiter vertieft werden. Ich möchte mit dieser Heranführung lediglich ausdrücken, dass ich im Zuge der Digitalen Vernetzung und des Social Web neue Lösungsansätze für möglich halte, die das Potenzial haben, eine höhere Markttransparenz und damit einen größeren Gesamtnutzen für das System Musikmarkt herbeizuführen.

Wär schön, wenn Euch diese ersten Gedanken ansprechen und noch besser, wenn Euch dazu Kritik und Verbesserungsvorschläge einfallen. Deshalb teile ich diesen Prozess…

Fußnoten:

[1]vgl. Hafner, Susanne: “Preisvergleich zwischen Online-Shops und traditionellen Geschäften”. Seminararbeit aus Informationswirtschaft SE/PI. Wirtschaftsuniversität Wien. SS 2004. http://wwwai.wu-wien.ac.at/~hahsler/SE/SS2004/stud/papers/hafner_preisvergleich.pdf. S. 7f
[2]vgl. Eissler, Stephan: “Das so genannte ‚geistige Eigentum’ im digitalen Zeitalter - eine Kritik aus liberaler Perspektive”. Vortrag auf der 3. Oekonux-Konferenz in Wien. Mai 2004.
http://dritte.oekonux-konferenz.de/dokumentation/texte/Eissler.html)
[3]Wikipedia: “Vollkommener Markt”. http://de.wikipedia.org/wiki/Vollkommener_Markt. Stand: 10.11. 2007
[4]vgl. Bundeszentrale für politische Bildung: “Markttransparenz”. http://www2.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=GHGPAD - Stand: 10. 11. 2007