Wieviel Musikempfehlung braucht der Mensch - Sessionmitschrift Future Music Camp Mannheim (Teil 1)

25 07 2009

Session: Wie viel Musikempfehlung braucht der Mensch
Referent: Dr. Stephan Baumann

Protokoll (Teil 1):

Musik sozialisiert, wir sind alle soziale Wesen.
Musik ist aber auch persönlich/individuell.
Aus diesem Spannungsfeld entstehen laut Stephan Baumann “diese schönen Geschichten, die das Leben eben schreibt”.

    Dr. Baumann nutzt aktuelle Empfehlungssysteme nicht, da er sie völlig langweilig findet.
    Er stellt 4 Songs vor, die etwas verbindet.
    Die Verbindung besteht nicht nur aus etwas rein persönlichem, sondern aus einer Story, welche “musikalische Fakten enthält” - welche jedoch von derzeitigen Empfehlungssystemen ignoriert werden.

Dr. Baumann beschäftigt sich seit Langem mit Empfehlungssystemen und war auch Gastdozent am SMIX.LAB/Popakademie, so er über Collaboratives Filtering (z.B. Last.FM) und inhaltsbasierter Musikempfehlung (z.B. MuFin) referiert hat.
Es gibt neuerdings Studien - bspw. zu der Frage, weshalb es möglich ist, mit einem Ansatz wie bei Amazon oder Last.FM 4 % mehr Nutzerzufriedenheit zu erzielen.

    Die heutige wissenschaftliche Arbeit zum Thema Musikempfehlungssysteme läuft meistens im Labor ab: “30 Studenten” werden zum Test herangezogen, dazu viel Mathematik - um statistische Evidenz herzustellen, also der Nachweis, dass die Empfehlungsergebnisse nicht zufällig entstehen.
    Dr. Baumann äußert jedoch Bedenken hinsichtlich der Gültigkeit der Ergebnisse außerhalb dieser Laborumgebung.

Dr. Baumann entwickelte in der Vergangenheit unter anderem den Musikempfehlungsservice “Openeer”.
Dieser hatte aber wenig Erfolg, weil er den Nutzern zu viel Engagement abverlangte - in Form von auszufüllenden Formularen - während bspw. der Audioscrobbler von Last.FM die Hörgewohnheiten der Nutzer automatisch erfasst und somit dem (meist “faulen”) Nutzer jegliche zusätzliche Aktivität nebst dem Musikkonsum erspart.

    Ein weiterer Service, den Dr. Baumann ins Leben gerufen hat, funktioniert über Social Media Monitoring, bei dem RSS-Feeds durchforstet werden, um herauszufinden, welche Blogger/Nutzer von welchen anderen Bloggern/Nutzern abschreiben. Darüber können Trends und ihre Verbreitung beobachtet werden, bspw. auch in der Musik-Blogosphäre.
    Aber: Musikempfehlung findet für Dr. Baumann nicht in “diesem rein digitalen Gefängnis” statt, sondern (auch) im realen Leben, bei Begegnungen mit Menschen, in Situationen - auch über längere Zeit hinweg.

Dr. Baumann sieht - auf Grund von neuen Technologien - aber optimistisch in die Zukunft.
Konkret ist damit das semantische Web gemeint, also ein bedeutungstragendes Web.
Am Beispiel von Wikipedia schildert Baumann die seiner Einschätzung nach positiven Eigenschaften eines Ansatzes, in dem viele freiwillig Beitragende und Experten Fakten und Wissen zusammentragen. Das Ergebnis einer solchen Herangehensweise sei nicht schlecht und in jedem Fall besser als der kollaborative Filter von Last.FM, das analysieren von Nutzungsverhalten oder Frequenzanalysen (wie bei der inhaltsbasierten Empfehlung). Dieser Vorteil eines Wikipedia-Ansatzes gelte aber vor allem dann, wenn man sich für die Fakten interessiert - wenn also Verknüpfungen zwischen Künstlern wissen möchte, oder was einen Künstler zu einem bestimmten Werk inspiriert hat.
Der neueste Trend nutzt also Wikipedia und andere Kataloge - insgesamt stehen laut Dr. Baumann 12 Millionen musikalische Fakten zur Auswertung bereit - um knallharten Fakten abzugreifen und auf diese Weise Anhaltspunkte für die Musikempfehlung zu generieren.

    Dr. Baumann stellt seine “subjektive, nicht validierte betriebswirtschaftlichen Hausaufgabenergebnisse” vor:
    Eartime (wie viel Zeit zum Musikhören steht uns als Nutzer zur Verfügung): 24 Stunden minus 11 Stunden Arbeit minus 7 Stunden Schlaf minus Familie - ergibt “irgendwie” 3 Stunden Zeit für Musik am Tag - in Wahrheit, abzüglich weiterer zeitaufwendiger Kleinigkeiten, noch weniger.
    Das ergibt 5400 Minuten im Monat.
    Bei Last.FM werden einem 5000 neue Titel empfohlen - alle 5 Minuten, wenn man möchte.
    Daraus resultiert ein “totaler Overload an Empfehlungen”.

Dr. Baumann überschlägt sein finanzielles Budget pro Monat und kommt bei etwa 54 Euro an.
Das Businessmodell sei demnach “klipp und klar”: alle 100 Minuten nimmt Dr. Baumann demnach - in diesem Gedankengang - 1 Euro und wirft ihn in den Topf. Dieser Betrag (bzw. das Budget) sei womöglich jedoch noch viel zu hoch gegriffen, da er selbst noch “ein Dinosaurier” sei, also sich in seiner musikalischen Sozialisierung von den jüngeren “Käufer”-Gruppen unterscheide.
Für ihn persönliche sei dieser Betrag aber womöglich sogar zu niedrig - er würde wahrscheinlich gar das dreifache bezahlen, da er sich nicht wehren könnte, würden ihn nur richtig interessante musikalische Geschichten “abholen”.

    Zur These, dass die Wertschätzung für Musik durch deren Allgegenwärtigkeit gesunken sei: dies sei laut Dr. Baumann nicht weiter verwunderlich, weil die Investments, welche für den Musikkonsum nötig sind, gesunken sind (keine Anreise in einen Plattenstore, sondern einfach Klick-Prelistening-Klick). Doch eventuell, so Dr. Baumann, sähe die Welt heute eben so aus.
    Vorstellung des Musikempfehlungssystems “HORST” - ein ganzheitliches Musikempfehlungssystem bezüglich “Storytelling-Technologie”. Der Servie versucht, das Semantic Web zu nutzen, um spannende musikalische Stories zu generieren.

    In der anschließenden Diskussion kristallisiert sich zunächst heraus, dass es einen Kulturkonflikt zwischen älteren Generationen - hier beispielhaft durch Dr. Baumann verkörpert - und jüngeren Generationen (ein Vertreter aus dem Publikum) existieren könnte: während bei Dr. Baumann der Wunsch nach intelligenter Auswertung historischer und ähnlicher Fakten besteht, stellt für jüngere Generationen möglicherweise das Ergebnis eines kollaborativen Filterns - also die automatische Auswertung des Nutzerverhaltens einer Community - ein wesentliche bedeutenderes Faktum dar.

    Teil 2 war auf dem Audiomitschnitt leider kaum mehr zu hören. Sobald uns der Videomitschnitt vorliegt, geht´s weiter!



Music Recommender Systeme als Voraussetzung für die Erschließung des Long Tail

31 07 2008

Das nächste kleine Kapitel meiner Bachelorarbeit, das die Bedeutung von Music Recommender Systemen unterstreichen soll. Freu mich auf Feedback!

Softwaresysteme zur Musikvermarktung als Voraussetzung für den Long Tail
Entscheidende Voraussetzung für die Realisierung des Long Tail ist laut Anderson eine Kostensenkung, die sich aus drei Faktoren ergibt. Der erste Faktor sei die Demokratisierung der Produktionsmittel. Die kostengünstigere Herstellung von Musikalben habe beispielsweiße im Jahr 2005 dazu geführt, dass 36 Prozent mehr Musikalben auf den Markt kamen.[1] Der Long Tail wird dadurch länger. Faktor zwei bestünde aus den gesunkenen Konsumkosten auf Grund der Demokratisierung des Vertriebes durch das Internet. Dies führe zu höherem Konsum und damit zur Verdickung des Long Tail.[2]

Für die vorliegende Arbeit ist der dritte Faktor entscheidend. Dies seien niedrigere Suchkosten bei der Suche nach Nischenprodukten, oder „die Verbindung von Angebot und Nachfrage. Dabei werden die Verbraucher mit den […] Artikeln bekannt gemacht, sodass sich die Nachfrage am Long Tail entlang nach rechts verlagert.“[3]

Die drei Wirkmechanismen, die den Long Tail Markt bestimmen[4]:

die 3 Wirkmechanismen des Long Tails

Anderson sieht demnach in Suchmechanismen, die das Auffinden relevanter (Nischen-)Inhalte erleichtern – die so genannten Long-Tail-Filter – ein entscheidendes Element zur Erschließung des Potenzials digitaler Märkte. Dazu zitiert er Rob Reid, einen der Gründer von Listen.com: „»In einer Welt der grenzenlosen Vielfalt ist der Kontext – nicht der Inhalt – König.«“[5] Eine Aussage, die auf ein zentrales Problem der neuen Angebotsvielfalt, den „Information Overload“, hinweist. Auch Stefan Wess - Geschäftsführer des THESEUS Konsortialführers Empolis[6] – stellt fest, dass die Internetnutzer „» … bei der Recherche im Web heute in der Informationsflut zu ertrinken [drohen]«“[7].

Aus diesen Erkenntnissen ergibt sich die starke Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit Softwaresystemen, die sich der Musikvermarktung auf digitalen Märkten annehmen. Ganz gleich, ob man sie wie Chris Anderson als Long-Tail-Filter, als Softwareagenten[8] oder wie DFKI[9]-Chef Wahlster als Antwortmaschinen bezeichnet[10] – „intelligente Software [wird] in Zukunft diese unüberschaubaren Informationen sortieren und bewerten helfen“[11] und dazu beitragen, eine reichhaltigere Musikkultur zu ermöglichen, wie es Anderson in Aussicht stellt:

„In gewisser Weise haben Filter die Eigenschaft, die Nachfrage am Long Tail entlang zu verlagern, indem sie Güter […] aufzeigen, die ansprechender sind als die Waren des kleinsten gemeinsamen Nenners, die die engen Vertriebskanäle des traditionellen Massenmarkts verstopfen.“[12]
„Weil Nischenprodukte nun leicht verfügbar sind, tritt die bislang latente Nachfrage nach nicht kommerziellen Inhalten deutlich zutage.“[13]
„Da [die Musikfans] nun die Möglichkeit haben, sich eine Boygroup auszusuchen oder etwas ganz Neues zu finden, entscheiden sich immer mehr für das Neue und sind mit dem, was sie finden, normalerweise auch deutlich zufriedener.“[14]
„Der Geschmack der Käufer ist vielfältiger geworden und hat sich in unzählige Subgenres aufgespaltet. Zumindest für den Bereich Musik ist offenbar das Ende der Hitära gekommen.“[15]


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] vgl. Anderson 2006, S. 63 f
[2] vgl. Anderson 2006, S. 64 f
[3] Anderson 2006, S. 65
[4] Anderson 2006, S. 67
[5] Anderson 2006, S. 129
[6] THESEUS ist ein vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) initiiertes Forschungsprogramm mit dem Ziel, eine neue internetbasierte Wissensinfrastruktur zu entwickeln, um das Wissen im Internet besser zu nutzen und zu verwerten. Quelle: http://theseus-programm.de/
[7] Wirtschaftswoche, 2007/39, 24. 09. 2007: „Das Ende der Suche“. S. 125
[8] vgl. Wirtschaftswoche, 24. 09. 2007, S. 125
[9] DFKI ist die Abkürzung für Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (http://www.dfki.de/web)
[10] vgl. Wirtschaftswoche, 24. 09. 2007, S. 126
[11] Meisner 2004, S. 11
[12] Anderson 2006, S. 130
[13] Anderson 2006, S. 29
[14] Anderson 2006, S. 38
[15] Anderson 2006, S. 38



Music Recommendation Netzwerk

6 07 2008

Ich sitze gerade an meiner Bachelorarbeit zum Thema “Automatisierte Musikvermarktung über Softwaresysteme” (auch wenn “Softwaresysteme” wohl noch durch einen anderen Terminus ersetzt werden wird, z. B. Music Recommender Systeme.)

Wie so oft bin ich wieder in Recherche-Arbeiten gefangen, anstatt dort weiterzumachen, woran ich mich heute Morgen so motiviert gesetzt habe. Immerhin habe ich begonnen, die interessantesten Funde auf Mister Wong zu verewigen - und dies wollte ich Euch nicht vorenthalten:

unter dem Tag mrec (kurz für music recommendation) findet ihr auf Mister Wong Experten, Forschungsprojekte und Blogs zum Thema. Bisher hab ich noch keine Präsentationen und Papers gebookmarkt, werde das ab jetzt aber unter dem zusätzlichen Tags “presentation” oder “paper” tun.

Hoffe, Ihr findet was spannendes darunter!



Noch mehr Music Recommendation Services

13 12 2007

Nein! Da hat sich nochmal ne Todo-Mail aufgetan, mit ca. 15 Music Recommendation Services, die ich zur Liste der Music Recommendation Experten hinzufügen wollte.

Neu im M-Rec-Freundeskreis:




Music Recommendation Tutorial + Ubiquität, Interaktivität und Konvergenz in der Medienbranche

13 12 2007

Hier sind zwei Studien, denen ich mich mit tiefster Hingebung widmen werde. Mein Schatz…

(einfach auf die Bilder klicken, um zur Datei zu kommen!)



Neue Music Recommendation Experten

13 12 2007

Morgen! Mensch - schon seit fast drei Stunden wach… Habe neue Music Recommendation Experten zu meiner Liste hinzugefügt. Dazugekommen sind: