Heranführung an und kontextuelle Einordnung von Empfehlungssystemen - Teil 2: Motivationale Grundlage meiner Arbeit: der ‚Vollkommene Musikmarkt‘
30 11 2008Das Fundament dieser Heranführung bildet das Idealmodell der Mikroökonomie: der ‚vollkommene Markt‘. Diese Herangehensweise verdeutlicht die (volkswirtschaftliche) Bedeutung der Empfehlungssysteme. Der ‚vollkommene Markt‘ verlangt nach Erfüllung gewisser (utopischer) Prämissen, wie etwa Homogenität der Güter, vollständige Markttransparenz oder vollkommene Konkurrenz. Nur wenn diese Bedingungen erfüllt sind, liegt das ideale Marktmodell vor, wie es der (neoklassischen) Volkswirtschaftslehre als Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen zu Grunde liegt.
Ein ‚vollkommener Markt‘ ist Voraussetzung für das so genannte ‚Pareto-Optimum‘ [1] – ein Zustand maximaler Wohlfahrt, in welchem durch eine Umverteilung von Gütern kein Wirtschaftssubjekt (sprich Unternehmen oder Einzel-person) besser gestellt werden kann, ohne dass ein anderes dadurch schlechter gestellt wird [2]. Eine Situation ist also dann noch nicht pareto-optimal, wenn ein Individuum besser gestellt werden kann, ohne dass einem anderen dadurch ein Nachteil entsteht. Die ‚Pareto-Optimierung‘ strebt demnach nach der effizientesten Wohlfahrtsverteilung unter den Marktteilnehmern. Entwicklungen, welche die Bedingungen eines ‚vollkommenen Marktes‘ begünstigen, erhöhen demnach den volkswirtschaftlichen Wohlstand.
In Bezug auf Musikvermarktung im digitalen Zeitalter kommt der Bedingung ‚vollständige Markttransparenz‘ besondere Bedeutung zu. Vollständige Markttransparenz bedeutet, dass Anbieter wie Nachfrager über sämtliche marktrelevanten Informationen verfügen. Jeder Konsument wüsste demnach unter anderem [3], welche Güter in welcher Qualität am Markt zugänglich sind [4].

Abbildung 1: Notwendige – durch Empfehlungssysteme begünstigte – Bedingungen
für vollkommene Märkte (eigene Anfertigung)
Übertragen auf den Musikmarkt wäre ‚vollständige Markttransparenz‘ demnach als Situation zu verstehen, in welcher der Konsument zu jeder Zeit über sämtliche auf dem (globalen) Markt verfügbaren Musikobjekte, sowie deren Qualität im Bilde wäre. Folglich wäre sich der Konsument stets im Klaren darüber, welche Musik er hören und zu diesem Zwecke erwerben sollte. Das Resultat wäre eine allgemeine Nutzen- bzw. Wohlstandssteigerung.
Vor diesem Hintergrund erscheint mir Musikvermarktung als eine Reaktion auf eine ineffiziente, weil unter nicht-vollständiger Transparenz entstandene, Marktsituation. Sie versorgt den Konsumenten mit Informationen, schafft mehr Transparenz, um sein Bedürfnis nach hörenswerter Musik zu befriedigen.
Dieser Einsicht folgend, möchte ich untersuchen, ob und in welcher Weise die Digitalisierung und die globale Vernetzung durch das Internet zur Erhöhung der Transparenz im Musikmarkt beigetragen haben und weiterhin beitragen können. In der Essenz geht es um die Frage, ob die digitale Vernetzung Möglichkeiten eröffnet, die Markttransparenz stärker zu erhöhen als das gegenwärtig in der Musikbranche institutionalisierte Vermarktungssystem. Das Vorhandensein derartiger Potenziale wäre verbunden mit einer Chance zur Optimierung der Wohlfahrtsverteilung auf dem Musikmarkt. Die Gelegenheit zu einer solchen Verbesserung ist die Motivation für diese Auseinandersetzung. Geteilt wird diese Hoffnung auch von den Optimisten unter den Ökonomen. Sie artikulieren die Erwartung, „die Glanzzeiten der Marktwirtschaft [stünden uns] noch bevor“[5]. Eine Einschätzung, der sich Heribert Meffert anschließt:
„Faßt man an dieser Stelle die aufgeführten Besonderheiten in der Internet-Ökonomie zusammen, so zeigt sich in der Summe ein Marktplatz, dem nahezu der Status eines vollkommenen Marktes zuzusprechen ist (…). Aufgrund der höheren Markttransparenz verringert sich die Informations-asymmetrie zwischen Anbieter und Nachfrager.“ [6]
Bevor jedoch das Augenmerk auf ihre Auswirkungen hinsichtlich Markttransparenz und Musikvermarktung gerichtet wird, werden im folgenden Kapitel die Grundmechanismen der digitalen Vernetzung beleuchtet. Die Kenntnis dieser grundlegenden Zusammenhänge ist wichtig, damit Empfehlungssysteme in ihrem Kern verstanden und in einem größeren Kontext verortet werden können.
Quellen:
[1] vgl. Hafner, Susanne: “Preisvergleich zwischen Online-Shops und traditionellen Geschäften”; Seminararbeit aus Informationswirtschaft SE/PI. Wirtschaftsuniversität Wien. SS 2004;
[2] vgl. Eissler, Stephan: “Das so genannte ‚geistige Eigentum’ im digitalen Zeitalter - eine Kritik aus liberaler Perspektive”; Vortrag auf der 3. Oekonux-Konferenz in Wien. Mai 2004.
http://dritte.oekonux-konferenz.de/dokumentation/texte/Eissler.html); Fußnote [10] (http://dritte.oekonux-konferenz.de/dokumentation/texte/Eissler.html#FN_bk_10)
[3] Informationen darüber, in welchen Mengen und zu welchen Preisen die Produkte am Markt vertreten sind, gehören ebenfalls zur ‚Vollkommenen Transparenz‘, spielen für diese Arbeit jedoch eine untergeordnete Rolle.
[4] vgl. Bundeszentrale für politische Bildung: “Markttransparenz”; http://www2.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=GHGPAD; Stand: 10. 11. 2007
[5]Meisner, Harald: „Einführung in die Internetökonomie“; LIT Verlag, Münster 2004; S. 11
[6]Meffert, Heribert: „Neue Herausforderungen für das Marketing durch interaktive elektronische Medien – auf dem Weg zur Internetökonomie.“ Reihe BWL aktuell. Institut für Wirtschaftswissenschaften der Universität Klagenfurt. Februar 2000. http://wiwi.uni-klu.ac.at/Forschung/06.pdf
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